Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben

Sehr geehrter Herr Prantl,

ich lese regelmäßig die Süddeutsche Zeitung. Ihre Artikel auf der Seite 4 und Ihre kritische Meinung schätze ich sehr – auch, wenn ich Ihnen nicht immer in allen Punkten zustimmen kann. Bezüglich des oben genannten Artikels möchte ich mich deshalb an Sie wenden und hoffe, dass Sie als verantwortlicher Redakteur des Ressorts Innenpolitik der richtige Ansprechpartner sind. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, bin ich Ihnen dankbar, wenn Sie diesen Brief entsprechend weiterleiten.

In der Wochenend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 13./14. April 1996 erschien unter dem Titel „Menschenrechte für die Menschenaffen“ ein Artikel im Umfang einer halben Seite, in dem Thesen des australischen Philosophen Peter Singer wiedergegeben und verteidigt werden. Die Süddeutsche Zeitung beklagt darin, dass Peter Singer „schon wieder (…) am Reden und Diskutieren in Deutschland gehindert wird“, weil er in Heidelberg als Kongressteilnehmer aufgrund drohender Proteste wieder ausgeladen wurde. „Soviel zum hierzulande gern beschworenen Zusammenhang von Demokratie und Redefreiheit“, kommentiert dies die SZ. Der Autor des Artikels, Hermann Peter Piwitt, schreibt von „einer äußerst aggressiven Allianz aus Behindertenverbänden, konservativen Lebensschützern und Linken“, die „Front“ gegen Singer machen. Weiter behauptet Herr Piwitt, „dass Singer an keiner Stelle mörderische rassistische, ‚rassenhygienische‘ Ziele verfolgt“. Im Gegenteil: Der Artikel wird mit dem Satz beendet, Singer habe sich „um die Schöpfung verdient gemacht“.

Gegen diese offene Parteinahme und Verharmlosung von Peter Singer und seinen Thesen durch die Süddeutsche Zeitung möchte ich und viele andere protestieren.

Peter Singer vertritt die Meinung, dass nicht jedes Leben gleich viel Wert ist und propagiert die Tötung von bestimmten Menschen. Er lehnt ein uneingeschränktes Lebensrecht für alle Menschen ab. Ein Recht auf Leben soll seiner Meinung nach nur haben, wer „Person“ ist. Singer schreibt in seinem Buch „Praktische Ethik“, „dass etwa die Tötung eines Schimpansen schlimmer ist als die Tötung eines schwer geistesgestörten Menschen, der keine Person ist“ (S. 135). Singer liefert mit seinen Thesen eine Ideologie, die erneut die Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ rechtfertigt und arbeitet damit denjenigen, die gezielt rassenhygienische Ziele verfolgen, in die Hände.

Im Grundgesetz heißt es: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG). Dieses Recht gilt uneingeschränkt für alle Menschen – auch für behinderte Menschen.

Wer das Recht auf Leben für irgendeine Personengruppe in Frage stellt, verletzt dieses Gesetz und hat meiner Meinung nach sein Recht auf freie Meinungsäußerung verwirkt. Dass sich die Süddeutsche Zeitung im Fall Singer beklagt, er würde zu Unrecht in seiner Redefreiheit beschnitten, kann ich nicht nachvollziehen.

Wer sich öffentlich fremdenfeindlich äußert und damit das ideologische Fundament für Gewalt und Terror gegen Flüchtlinge bereitet, wird zurecht strafrechtlich verfolgt. Ein David Irving, der „nur“ die Auschwitzlüge verbreitet, erhält Einreiseverbot. Aber Peter Singer, der offen zur Tötung von behinderten Menschen aufruft, soll nach Meinung der Süddeutschen Zeitung in seiner Redefreiheit nicht eingeschränkt werden? Da stimmt doch etwas nicht!?

Wohin solche Thesen führen, wie die, die Singer vertritt, zeigt sich heute schon und ist erschreckend: In einer Bioethik-Konvention des Europarates soll die Forschung an geistig und körperlich behinderten Menschen, an alten Menschen, an rauschgiftabhängigen und alkoholkranken Menschen, die nicht ausreichend in der Lage sind, ihre Situation zu beurteilen und verantwortliche Entscheidungen über ihre Person zu treffen, legalisiert werden. Die mörderische Logik ist klar: Wenn die Tötung eines Schimpansen schlimmer ist als die Tötung eines schwer geistig behinderten Menschen, dann ist der Tierversuch am Schimpansen auch schlimmer als der Menschenversuch am schwer geistig behinderten Menschen.

Singer sagt, Menschenaffen sind „personale“ Wesen, „mindestens wie ein sprachbehindertes, aber sonst gesundes vierjähriges Kind“, wie es in dem oben genannten SZ-Artikel heißt. Menschenaffen sind seiner Meinung nach also „Person“. Die Kriterien wer ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit haben soll und wer nicht sind für Singer bei Tieren und bei Menschen die Gleichen: Ein Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit soll nur haben, wer „Person“ ist. Während Singer damit bestimmte Tiere vor Mord und Tierversuchen bewahren möchte, stößt er damit gleichzeitig das Tor auf, Menschenversuche ethisch zu rechtfertigen; die Tötung von bestimmten Menschen fordert er nach dem selben Kriterium ja ohnehin schon unmissverständlich („Wir meinen, dass einige Kinder mit schweren Behinderungen getötet werden sollten.“ in: Peter Singer, Helga Kuhse, „Should the Baby live? The Problem of Handicapped Infants“. Oxford – New York -Toronto, 1985, S. V).

Ich halte sehr viel von „Meinungsfreiheit mit der Süddeutschen Zeitung“, wie im Rundfunk immer geworben wird. Wenn jedoch für die Thesen eines Peter Singers geworben wird und gleichzeitig Behindertenverbänden „Aggressivität“ vorgeworfen wird, ist meine Toleranz aus den oben ausführlich beschriebenen Gründen zu Ende. Sollen die behinderten Menschen in diesem Land vielleicht weghören und wegsehen, wenn darüber diskutiert wird, wer von ihnen noch Leben darf und wer in Zukunft vielleicht nicht mehr? Sicherlich würden auch Sie sich wehren, wenn ich mit Ihnen eine Diskussion über Ihr Lebensrecht anfangen würde. Ich möchte Sie mit eben gesagten nicht persönlich Angreifen, sondern nur die Problematik verdeutlichen.

Sicher, für den Inhalt des Artikels „Menschenrechte für die Menschenaffen“ ist der Autor Hermann Peter Piwitt verantwortlich. Dass er jedoch in der Süddeutschen Zeitung gedruckt wurde, dafür ist der Redakteur des entsprechenden Ressorts und der Herausgeber verantwortlich.

Anbei übersende ich Ihnen einige Listen mit Unterschriften von Leuten, die sich meinem Protest anschließen und diesem somit hoffentlich mehr Nachdruck verleihen. Betrachten Sie bitte dieses Schreiben als konstruktive Kritik.

Es wäre schön, wenn der Text der beiliegenden Unterschriftenlisten einen Platz auf der Leserbriefseite finden würde. Darüber hinaus würde ich mich auf eine schriftliche Stellungnahme Ihrerseits freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Wagner

  29. April 1996
 
  Kategorie: Leserbriefe